[Achtung, dies ist die Blogform meines Erfahrungsberichtes (ohne Bilder). Kontaktiere mich bitte, solltest Du die PDF-Variante per eMail zugeschickt bekommen wollen! Viel Spaß beim Lesen]
Ein Tag in Plett
Der Moment
Man hat einen Moment, wenn man in Kwano lebt,
In dem man ganz einsam des Nachts da steht,
Sich die Zähne putzt, nach den Sternen blickt
Und das Leben genießt, und Lobpreisungen schickt,
Dass ein Schöpfer dem Menschen so gut sein kann,
Der nichts weiter ist, als ein einfacher Mann
Mit einfachem Glauben und einfachem Sinn.
Es ziehen der Mond und die Wolken dahin.
Dann geht der Moment ganz leise vorüber,
Man geht in seine Hütte hinüber,
Legt sich Schlafen und träumt und überlegt,
Wo es wohl morgen den Moment hin verschlägt.
Ich wache auf. Die Blase drückt. Um dieses Gefühl los zu werden, muss ich das Haus verlassen. Unsere Toilette befindet sich in einem kleinen Häuschen, einige Meter von unserer Hütte entfernt. Nach einer windigen und verregneten Nacht, deren prasselnde Akustik sich unter unserem Dach ausbreitet, wie im Inneren einer bauchigen Riesentrommel, scheint die Welt nun wie neugeboren. Es liegt etwas Unbeschreibliches in der Luft. Eine Reinheit. Eine Ruhe. Die Karbon- und Marihuana-artigen Gerüche, die Stunden zuvor noch unsere Riechorgane entzückten, sind, genau wie die dichte Wolkendecke am Himmel, verschwunden.
Die Uhr sagt 05:47. Einen Wecker brauche ich nicht, denn mein Rhythmus in Südafrika lässt es nicht zu, dass ich verschlafe. Obwohl ich erst um neun Uhr bei der Arbeit sein muss, stehe ich um diese Zeit auf. Der Morgen graut gegen halb sechs, die Sonne verschwindet abends etwa um sieben. Man will so viele Sonnenstunden nutzen, wie möglich, denn die Strompreise pflegen nicht zu fallen. Also früh aufstehen! Früh Schlafen gehen! Da der kleine Wäschekorb in meinem Zimmer überquillt, steht eine Wascheinheit an.
Die wenigsten Haushalte im Township haben Warmwasser und Waschmaschinen sind ebenso als seltene Luxusgüter zu betrachten. Es ist daher üblich, Wasser im Kocher aufzukochen und anschließend mit kaltem Wasser in einer Waschschüssel zu mischen, um die passende Temperatur zu erreichen. Dann wird Waschmittel dazu gegeben und die Klamotten werden mit der Hand bearbeitet. Wenn man sie am Vortag in heißem Wasser einweicht, ist das Resultat nach dem Waschen nicht schlechter, als mit der Maschine; Einige der Frauen hier schwören, es sei sogar besser und mit der richtigen Technik verschwinden sogar die hartnäckigsten Flecken. Der Nachteil ist der Zeitaufwand. Denn während das Bedienen von Waschmaschine und Trockner maximal fünf Minuten dauert, muss ich mindestens die gleiche Zeit jedem einzelnen Kleidungsstück widmen, es erst im Spülwasser solange waschen, bis es sauber ist, dann klar spülen, auswringen, ausschütteln und aufhängen.
Als kurz nach acht Uhr die Wäscheleinen unter dem Gewicht nasser Klamotten durchhängen und das Wasser in der Schüssel nicht mehr trüber werden will, beschließe ich, zu frühstücken. Verena, deren Arbeitstag eine Stunde später beginnt, schläft noch hinter ihrem Vorhang. Ich muss also auf Samtpfoten umherschleichen. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass wir uns in einem Ein-Zimmer-Haus bewegen. Das heißt, der Raum ist nur notdürftig durch Sichtschutz-Wände in drei Teile gegliedert. Ab zwei Metern Höhe, ist wieder alles eins.
Jeder Bewohner (Verena und ich) hat seine eigenen sieben Quadratmeter. Die übrigen 15m² werden eingenommen von einem Sofa, einem Büchertisch, zwei Fahrrädern, zwei Kommoden, einem Esstisch, dem Kühlschrank und dem Küchenbord. Hinter letzterem, vielversprechendem Wort verbirgt sich im Wesentlichen ein Tisch unter dessen Platte eine Gasflasche ruht und auf dem ein gusseisernes Kochgestell mit zwei Herdplatten steht, welches zurzeit noch ständig in Gebrauch zu sein scheint. Wir kochen gerne.
An diesen Morgen gibt es Porridge. Dieses auf Maismehl basierende Gericht erfreut sich großer Beliebtheit und füllt morgens zahllose Mägen in Südafrika. Außerdem ist es leicht zuzubereiten. Wasser, Maisgries und ein wenig Zucker werden im Topf gemischt, bis Konsistenz und Geschmack stimmen, und dann aufgekocht.
Kwanokuthula, ein besonderes, ordinäres Township
Ich wohne in Kwanokuthula, einem der zahllosen Townships, die während der Apartheid um die Städte herum entstanden sind. Seit jeher waren attraktive Standorte an der Küste ein Magnet für Menschen aus dem Landesinneren. Doch für verarmte Bauern, die aufgrund ihrer Hautfarbe politisch unterdrückt wurden, waren Häuser in der Stadt weder erschwinglich, noch wurden sie ihnen gewährt. Sie haben sich also außerhalb der Stadt in „Informal Settlements“ niedergelassen. Zudem hat man aus den städtischen Gebieten indigene Bewohner in die extraurbanen (sub-urban wäre ein Euphemismus) „Outskirts“ zwangsumgesiedelt.
Auf dem Lande gibt es auch heute, in Zeiten einer sich zentralisierenden Landwirtschaft, viel Leid. Die Urbanisierung ist in vollem Gange. Es ist, als wäre ich in der Geschichte zurückgereist. Denn hier erfährt man, dass Südafrika, wenn kein Entwicklungsland, so doch ein schwellendes Land ist, dessen Entwicklungsphänomene, im westeuropäischen 19. Jahrhundert Vergleiche finden. Die Not in den ländlichen Gebieten treibt die Menschen in die Städte. Jedoch müssen sie, da sich an der Erschwinglichkeit zentraler Wohngegenden seit dem Ende der gesetzlichen Apartheid nicht viel geändert hat, die inoffiziellen Siedlungen bewohnen. In Plettenberg Bay sind zwei inoffizielle Siedlungen mit den Namen Qolweni und Bossiesgif entstanden.
Das sind Ansammlungen von windschiefen Hütten, gebaut aus Blech, Holz, Pappe, Asbest, Ziegeln und anderen verfügbaren Materialien, welche sich hinter der Nationalstraße N2 und hinter einem hohen Metallzaun ausbreiten. Dort ist alles dicht bebaut und dicht bevölkert und diese Fülle wird größer und größer. Niemand weiß wirklich, wie viele Menschen in diesen Siedlungen wohnen, denn es ziehen ständig neue hinzu und Kinder werden auch ohne staatliche Registrierung geboren.
Die Townships wiederum sind von der Regierung in Auftrag gegebene Siedlungen, die mit dem Zweck errichtet wurden, solche Inoffiziellen aufzulösen. Diese Rechnung geht in Plettenberg Bay allerdings nicht auf. Man hat weiter Stadt auswärts an der N2 Township-Häuser errichtet. Kleine Häuser auf kleinen Grundstücken, wie beschrieben in meinem ersten Bericht. Diese wurden Familien aus Qolweni und Bossiesgif frei zur Verfügung gestellt und so ist Kwanokuthula entstanden. Jedoch werden bis heute solche Häuser gebaut und bis heute ist kein Ende dieser Umsiedlung absehbar. Ganz im Gegenteil: schon jetzt ist in Kwanokuthula eine ähnliche Entwicklung wie im inoffiziellen Qolweni zu beobachten. In den Gärten der Häuser werden Holzhütten errichtet, es wird angebaut und neu gebaut und die irrationale Dichte, die Kwanokuthula eigentlich beenden soll, entsteht auf diesem Grund von Neuem. Die unbeholfen grauzonenartigen, das Township betreffenden, Populationsschätzungen liegen nunmehr zwischen dreißig- und sechzigtausend.
In Kwanokuthula leben hauptsächlich Xhosa. Dieser Name bezeichnet eines der neun noch heute in Südafrika lebenden Bantu-Völker. In einem anderen Township mit dem Namen New Horizons leben die so genannten „Coloureds“ (Farbige) und Rastafaris. Im Gegensatz zum Wort Xhosa handelt es sich bei dem Begriff „Coloured“ um einen der undifferenzierten aus der Apartheidpolitik. Diese teilte einst die gesamte südafrikanische Bevölkerung in vier „rassische“ Gruppen, welche vom Staat in folgender Reihenfolge politisch, wirtschaftlich und rechtlich mit absteigender Bevorzugung behandelt wurden: „Whites, Asians, Coloureds, Blacks“.
„Whites“ waren dabei in der Regel Einwanderer mit europäischem Hintergrund, vor allem Portugiesen, Niederländer, Briten und Deutsche; „Asians“ meist Inder oder Chinesen und als „Blacks“ wurden alle indigenen Einwohner von Khoikhoi und San, über Tsonga, Swasi, Ndebele, Zulu und Xhosa bis hin zu Sotho, Tswana und Venda, bezeichnet. Trotz des ignoranten Charakters dieser vier Namen und der antiquiert menschenverachtenden Kategorisierung nach einer Hautfarbe, haben sich diese Begriffe über die Jahrzehnte fest etabliert und sind von der breiten Masse akzeptiert. Ein „Coloured“ identifiziert sich selbstbewusst mit diesem Namen und ist nicht mehr zwangsläufig Sohn von „White“ und „Black“, sondern mitunter auch Teil einer eigenen Ethnie in vielfacher Generation.
Meine Arbeit leiste ich größtenteils in New Horizons. Das heißt, ich habe einen Fußweg von 15 Minuten zu meinem Projekt. Es ist nur ein kurzes Stück durch Kwanokuthula. Alle Menschen grüßen freundlich, lächeln, halten Smalltalk im Vorübergehen. Dann verlasse ich das Township, überquere die N2 und laufe ein Stück an ihr entlang. Einige der Vorbeifahrenden halten mich für einen Tramper, da es üblich ist, auch vergleichsweise kurze Strecken gegen ein minimales Entgelt auf diese Weise zurückzulegen. Sie geben dann Zeichen, um verständlich zu machen, in welche Richtung es geht und ich wehre freundlich ab.
Mein Weg führt direkt in das nächste Township, wo nun nicht mehr mit „Molo“ (isiXhosa für „Hallo“), sondern mit „Morre“ („Morgen“ auf Afrikaans) gegrüßt wird. Mir begegnen junge Gestalten mit langen Rastas in vergleichsweise westlicher Garderobe, alte zahnlose Männer sitzen am Straßenrand bei einem Laden, Hunde bellen ohnehin immer und überall und der klare Himmel zieht sich auf einmal über mir zu. Man sagt, in Plett könne man die vier Jahreszeiten an einem Tag erleben. Dieser Tag ist einer von ihnen. Komme ich eben noch auf dem Weg ins Projekt ins Schwitzen, friere ich nur zehn Minuten später, bei strömendem Regen. Die Wäsche wird heute also nicht mehr trocknen.
Masizame Drop-in Centre
Als ich im Projekt ankomme, öffnet mein Chef Nel gerade das Tor. Er ist Xhosa und stolz auf seine Kultur. Wenn die Zeiten nicht stressig sind, ist er sehr gerne zu Späßen aufgelegt und stets gut gelaunt, singt und tanzt gerne im Alltag, etwas träge, wie es seine stämmige Figur eben zulässt. Sobald das Tor aufgeht, sehen wir schon vier unserer Jungen, die offenbar auf diesen Moment gewartet haben, auf dem Weg ins Centre. Einige von ihnen leben in unmittelbarer Nachbarschaft der Einrichtung. Sie sind alle zwischen zehn und 20 Jahren alt.
Wie viele von ihnen täglich erscheinen, ist sehr variabel. An manchen Tagen sind es 20, an anderen nur drei. Wer Frühstück haben will muss vor 10 Uhr im Projekt sein. Die Jungen, die schon seit längerer Zeit zu uns kommen, sind bereits in unser Register aufgenommen, welches inzwischen etwa 50 zählt, jedoch sind niemals alle anwesend. Das Frühstück im Projekt ist heute ePap. Es handelt sich dabei um ein Nahrungssupplement, welches – wie der Porridge auch – auf Maisbasis hergestellt wird und speziell für heranwachsende Kinder entwickelt worden ist.
Einer der wichtigen Grundsätze im Projekt ist, dass jedes Kind gleich behandelt und niemand von vorn herein benachteiligt oder bevorzugt wird. Alle müssen sich vor dem Essen die Hände waschen, in einer Schlange an der Küche anstehen und ihr Gebet auf Afrikaans aufsagen. Dann bekommen alle eine anständige Menge Frühstück. Nachschlag wird fast immer verlangt. Der Zweifel daran, bald eine neue Mahlzeit zu erhalten, hat sich in ihren Köpfen so festgesetzt, dass sie immer ein wenig auf Vorrat essen wollen. Auch von diesen Zweifeln, ja von diesen Sorgen, wollen wir sie befreien. Sie sollen wissen, dass bei uns jeder seinen eigenen Teller bekommt, dass immer genug für alle da ist und, dass niemand für schlechtere Zeiten bunkern muss, wenn es mal etwas mehr gibt. Anderntags machen wir Pfannkuchen, die Jungs dürfen in der Küche mithelfen und lernen dabei, wie man sich sein eigenes Essen zubereitet. Sie alle brauchen „Life Skills“ und Masizame hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihnen für ihr späteres Leben so viel wie möglich mitzugeben. Doch im Moment gestaltet sich diese Arbeit noch sehr schwierig.
Viele von den Jungs haben die Schule sehr frühzeitig hinter sich gelassen, keinen Abschluss in der Tasche und wenig eigene, realistische Pläne für ihre Zukunft. Drogen und Alkohol spielen eine wichtige Rolle in ihrem Alltag, wovon wir sie durch Drogenaufklärung, eine starke Vorbildfunktion und verschiede Sanktionen für „Raucherpausen“, abzubringen versuchen. Die wirkliche Herausforderung in meinem Projekt liegt darin, die Kinder nach den Mahlzeiten dazu zu bewegen, im Centre zu bleiben, denn kaum einer von den Jungen ist scharf auf irgendetwas, das mit Bildung zu tun hat und die Einrichtung hat nicht den Status einer legalen Aufsichtsperson. Diese sind bei unseren Jungs nach wie vor die Eltern, von denen allerdings einige stetigem, exzessivem Alkoholkonsum verfallen sind und kein Interesse an ihren Schützlingen haben. Aus diesem Grund können die Jungen de facto tun und lassen, was sie wollen und Masizame hat nicht das Recht, sie gegen ihren Willen festzuhalten. Das erforderliche Rezept heißt Attraktivität. Wir versuchen – abgesehen von der Verköstigung – ein möglichst angenehmes Programm zu bieten, bei dem unterschwellig gelernt wird.
Gegen den Klassenraum, scheinen die Jungs allergisch zu sein. Neben den sozialen Fähigkeiten, die sie im Alltag in der Gruppe erlernen, versuchen wir jene, die noch nicht zu alt sind, mit Mathematik- und Englischunterricht wieder für die Schule vorzubereiten. Ein zentrales Ziel des Projektes ist es auch, das Selbstvertrauen der Jungen zu stärken und Perspektiven aufzuzeigen. Sie müssen nun auch außerhalb der Schule herausfinden, was sie können, was sie nicht können und was sie zu lernen im Stande sind. Seit kurzer Zeit gebe ich einen Gitarrenkurs, leite Kraftkreise und andere Sport-Workshops, führe Gesprächsrunden über Respekt, HIV/Aids, Kultur, Drogen, Geschichte, darüber, wie Tag und Nacht oder die Jahreszeiten entstehen, was Raumfahrt ist, was sie ermöglicht und vieles mehr, was sie interessiert, oder meiner Meinung nach interessieren sollte. Mit einigen der Jungs gibt es dabei durchaus Verständigungsprobleme, denn viele von ihnen sprechen hauptsächlich Afrikaans und einige verstehen wenig Englisch, fühlen sich eingeschränkt, wenn sie Englisch sprechen müssen. Bei dem Versuch, alle von ihnen in den Klassenraum zu bewegen, zeigt sich die Abneigung gegenüber der reinen Wissensvermittlung. Doch wir haben es geschafft. Fast alle sitzen im Klassenraum.
Jetzt öffnet ein Junge namens Bronwin mit einem Krach die Tür. Er ist elf Jahre alt, klein, mit kurzem Krausehaar, kauputten Zähnen, die Augen leer. Heute hat er schon mindestens einen Joint geraucht. Er hat Tränen in den Augen, aber es sind keine Tränen der Trauer, oder des Schmerzes. Sein Körper bebt, er atmet tief ein, während er sein Geheul artikuliert. Jetzt flucht er auf Afrikaans. Die einzigen Worte, die ich verstehe sind „ePap“ und „Ma se poes“. Bei ersterem handelt es sich um bereits erwähntes Frühstücksgericht, letzteres, die Mutter zum Objekt der Flucherei machende, möchte ich lieber nicht übersetzen. Bronwin hat einen zerbrochenen Ziegelstein in der Hand. Mit hohlen Augen steht er da. Nun setzt er zum Werfen an. Das Ziel ist einer der Jungen im Klassenraum. Doch nichts passiert. Ich gehe dazwischen, nehme ihm den Stein ab, schicke ihn raus. Ich möchte mit dem Unterricht fortfahren. Doch keine dreißig Sekunden vergehen, da steht er wieder im Raum. Er flucht und will Aggressionen raus lassen. Wieder schicke ich ihn fort.
Ich erfahre inzwischen vom Anlass für dieses Verhalten. In der Nacht zuvor ist in der Küche unseres Centres eine Scheibe eingeschlagen und ein Päckchen ePap geklaut worden. Alle beschuldigen einen der Jungen, die gerade im Klassenraum sitzen, einen der Schwächsten, der sich selten wehrt. Keiner nimmt es so ernst, wie Bronwin. Nachdem er ein drittes Mal den Unterricht stört und sich offenbar nicht beruhigt hat, nehme ich ihm wieder die Steine ab, halte ihn fest, versuche auf ihn einzureden. Er meint der Junge müsse für seine Tat ins Gefängnis und sieht sich darum im Recht zu tun, was es auch braucht, um das zu erreichen. Warum genau er meint, die Justiz des Centres spielen zu müssen, ist mir nicht klar.
Ich vermute das Verlangen nach Streit dahinter, denn besagter Bronwin ist mir schon nach kurzer Zeit als besonders launisch und aggressiv aufgefallen. Dieses oder ähnliches Verhalten stört wöchentlich das Leben im Drop-in Centre. Man könnte doch einfach die Störenfriede suspendieren. Könnte man, doch was passiert in den zwei Wochen, die sie nicht bei uns erscheinen? Sie rauchen Gras, trinken zu viel, kämpfen, werden verprügelt, stehlen… Kurzum: Sie leben das Leben, vor dem wir sie bewahren, zu dem wir eine Alternative aufzeigen wollen. Ein Alternative ohne Gewalt, ohne Kämpfe, Flüche und Rücksichtslosigkeit. Nein, wie auch immer sie sich aufführen, das Wichtigste ist, dass sie sehen: es geht auch anders.
Nach der Stunde im Klassenraum steht den Jungen freie Zeit auf dem Gelände zur Verfügung. Sie spielen gerne Fußball, Fußball-Tennis oder Domino. Währenddessen bereiten wir ihnen die nächste Mahlzeit zu. Zwölf Uhr ist „Snacktime“. Das heißt, es gibt entweder Brot, welches eine der Bäckereien aus der Stadt freundlicherweise spendet, oder sonst eine kleine Mahlzeit, mitunter sogar Süßigkeiten. Nach dem Snack gebe ich Englisch-Nachhilfe. Heute ist ein Diktat dran. Niemand weiß wirklich etwas damit anzufangen und die Jungs sind nach kurzer Zeit sauer auf mich, weil ich nicht an die Tafel schreibe, was ich von ihnen auf dem Papier sehen will. Dass gerade dies der Hintergrund des Diktierens ist, wollen sie nicht verstehen. Bisher haben sie offfenbar nur abgeschrieben.
Nach fünf Minuten verlässt der erste entrüstet den Raum, weil er schon die Überschrift nicht dem Gehör nach niederschreiben kann, ein anderer nimmt einen Toilettenbesuch zum Anlass, um dem Raum zu entschwinden. Die Klasse wird immer kleiner. Was ich da mit ihnen tue, erinnert sie zu sehr an die Schule, der sie mit so viel Vergnügen fernbleiben. An warmen Frühlingstagen, wie heute (das Wetter hat wieder umgeschlagen, die Luft 25°C, der Boden längst wieder trocken), ist es ohnehin eine besondere Herausforderung, sie alle in den Klassenraum zu verfrachten.
Besonders heiße Tage verbringen wir gerne am Strand, bauen dort ein kleines Fußballfeld aus Trainings-Hütchen auf und lassen sie spielen und dann im Meer schwimmen oder mit den Bodyboards surfen, die das Projekt glücklicherweise besitzt. Vor meiner Zeit als Freiwilliger in diesem Projekt soll es sogar richtige Surfstunden gegeben haben, die allerdings aus Finanzgründen eingestellt werden mussten.
Gegen 14 Uhr servieren wir das Mittagessen, welches seit wenigen Monaten extern zubereitet wird. Denn kurz vor meiner Ankunft hat man – ebenfalls aus Finanzgründen – die Köchin des Centres entlassen müssen. Zur Freude der Jungs gibt es heute Reis mit Hühnchen. Das Prozedere ist ähnlich, wie am Morgen: Händewaschen, Gebet aufsagen, einer nach dem anderen bekommt sein Essen und spült danach den Teller vor. Die, denen es besonders gut geschmeckt hat, melden sich freiwillig zum Abwasch, weil sie wissen, dass die Reste dann an sie gehen.
Nach dem Mittagessen verlassen die meisten Jungen sehr bald das Centre. Nur einige bleiben noch eine Weile zum Fußballspielen. Nel, unser Mitarbeiter Trevor und ich müssen nun den Schreibkram erledigen. Es wird festgehalten, was vorgefallen ist, welche Bildungs- oder Unterhaltungsprogramme mit welcher Absicht und welchem Erfolg angeboten wurden und wer von den registrierten Jungs überhaupt aufgetaucht ist. Nachdem all das erledigt ist, wird das Centre geschlossen. Eine Vielzahl von Vorhängeschlössern an den Türen soll gewährleisten, dass sich das Inventar über Nacht nicht in Luft auflöst, doch einige der Jungen finden trotzdem einen Weg, um nachts Lebensmittel, Multimedia-Artikel und anderes zu entwenden.
Masizame Goal Fighters
Gegen 15:30 Uhr werde ich wieder nach Kwanokuthula gefahren. Ich trainiere die Masizame Goal Fighters, ein Fußballteam für Kinder aus der Umgebung. Ob Straßen- Waisen- oder Schulkinder, hier kommt alles zusammen. Sie freuen sich unglaublich auf die Spiele und wünschen sich, so viele davon zu bestreiten, wie möglich. Ein Turnier mit vier Gastteams konnten wir schon veranstalten.
Das Fußball-Training ist aufgrund der äußeren Gegebenheiten eine Herausforderung für sich. Der einzige Ort, der sich zurzeit dafür anbietet, ist eine Wiese vor dem Gelände von Masizame, auf der einige Strommäste stehen und auf der gerne Kuhherden grasen. Fußballtore gibt es leider nicht. Diese Wiese gehört rechtlich gesehen der Munizipalität („Bitou“ mit Namen), dem Straßenrecht nach aber den „Black Tigers“, einem anderen Fußballteam. Es kommt daher immer wieder zu kleinen Auseinandersetzungen darüber, wer nun auf dem begehrten Weideland trainieren darf. Wie funktioniert also das Training?
Statt der Tore und Linien verwenden wir Trainingshütchen, über größere Steine auf dem Feld und kleinere Hügel im Gras muss hinweg gespielt werden. Die größte Barriere ist jedoch die Sprache. Ich habe es mit Jungen zu tun, von denen einige ausschließlich isiXhosa sprechen, was ich noch nicht ausreichend gelernt habe. Viele von ihnen verstehen kein Englisch. Es ist also alles andere als leicht, allen die Instruktionen verständlich zu machen. Außerdem ist bei den meisten dieser Kinder die Disziplin nicht vergleichbar mit der, die ich aus meinem deutschen Umfeld gewohnt war. Sie sind in der Gruppe sehr laut, hören oft erst beim fünften Mal auf ihre Namen und beklagen sich grundsätzlich bei den Entscheidungen des Schiedsrichters. Das klingt aber alles viel schlimmer als es am Ende des Tages wirklich ist. Spaß und Gemeinschaft sind die wichtigsten und dominierenden Begleiter der Trainingseinheiten und Spiele.
Nach dem Training laufe ich durch das abendliche Township nach Hause. Viele Menschen, die in diesen Straßen leben, haben mich schon oft gesehen und wissen, dass ich für Masizame arbeite und grüßen daher auf isiXhosa. Für einige andere ist es immer noch etwas besonderes, wenn ein „Umlungu“ (so nennen sie uns Hellhäute), sie in ihrer Muttersprache begrüßt. Es ist 18:30 Uhr, als ich erschöpft nach Hause komme. Verena ist schon seit einer guten Stunde hier. Ich bereite mithilfe unseres Gaskochers eines der diversen Gerichte meines Repertoires – wie zum Beispiel Pasta alla Genovese – zu und erfreue mich der Einfachheit dieses Teils meines Tages.
Nach dem Essen lasse ich mich auf mein Bett fallen arbeite einen Trainingsplan für den morgigen Tag aus, versuche eine dieser isiXhosa-Vokabeln zu lernen, die mir nicht in den Schädel gehen wollen, nehme ein Buch (gerade ist Edward Said dran), beginne zu lesen und keine zwanzig Minuten später bin ich reif für die Traumwelt. Denn wenn kognitive Zeichen vor meinen Augen zu abstrakten oder surreal fließenden Gebilden verschwimmen, sagt mir selbst das spannendste oder lehrreichste Buch nur noch, dass die Lichter auszugehen haben.